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Der Reichtum des armen Poeten

Diesen Stolz kann einem Niemand nehmen: Das eigene Buch gedruckt in Händen zu halten.

Das Paket aus der Druckerei ist angekommen und obwohl man beim nach Hause kommen bis eben noch den Drang nach Nahrung und Toilette verspürt hat, ist dies alles verflogen. Das Herz rast, man möchte hüpfen und tanzen, aber gleichzeitig ist da diese Aufregung. Wird alles richtig sein? Werden die Farben sein, wie gewählt? Wird der Buchsatz, werden die Ränder perfekt sein? Mit ganzer Kraft widmet man sich nun dem Karton. Das Einzige, was noch zwischen Wahn und Wahnsinn die Neugierde im Zaum hält. Diese störrische Verpackung wird zur Hürde, wird zur Qual, wird zur Kraftanstrengung von besonderem Ausmaß. Doch dann endlich, das graubraune Biest gibt nach und den ersten, unbeschreiblichen Blick auf den Inhalt frei.

 

Ein Duft nach frischem Plaste steigt in meine Nase, meine Finger ertasten das erste Buch zwischen dem Füllmaterial. Zaghaft ziehe ich es heraus, als wäre es filigranes, handgeblasenes Glas. Wieder fühle ich mein Herz, das durch die Schutzfolie meinen Namen erspäht. Wie Hieroglyphen wirken auf einmal die einzelnen Buchstaben auf mich – fremd, vertraut, sinnhaft. Mein Buch, meine Schöpfung liegt dort wie frisch geboren in meinen Händen und wartet darauf seinen Lebenssinn zu erfüllen. Noch mag ich dieses Gefühl nicht aufgeben, noch verharre ich über dem Karton stehend, als barg er den größte Schatz der Menschheit und ich habe ein Teil daraus geborgen, das mit Gold nicht aufzuwiegen ist. Oh, wie der Dichter diese Selbstliebe braucht (wie den Selbsthass)! Alle Außenseiten bestaune ich, als wäre jede eine eigene Welt – unentdeckt und ich bin Columbina. Nun endlich fühle ich mich bereit, bereit diesen Schutz zu entfernen.

 

Du kennst die Freude nicht! Du kennst die Freude nicht, wenn du nie dein eigenes Werk in Händen hieltest. Die Oberfläche des Covers ist glatt und glänzend, dennoch streichen meine Fingerspitzen darüber, als erwarten sie eine Liebeserklärung in Braille-Schrift. Vorsichtig öffne ich den Einband und lausche wie Papier auseinander stiebt, gefolgt von einem kurzen Krachen, das verrät, niemand vor mir hatte dieses Kunstwerk berührt. Seite um Seite öffne ich, schließe ich, entdecke, staune und kann es doch nicht ganz fassen. Meine Worte, schwarz auf cremeweiß und diese tiefsinnigen Grafiken, deren Farben in meine Augen zurück schillern. Für diesen einen goldenen Moment spüre ich diese innere Zufriedenheit und eine Wärme, die mich just überkommt. Noch immer im Hausflur über mein Kleinod gelehnt, kommt mir in den Sinn, dass es ratsam wäre, mich zumindest meiner Jacke zu entledigen. Dann laufe ich singend, vielleicht auch hüpfend zur Toilette und überlege dieweil, wen ich zuerst mit dieser wichtigen Meldung beglücken möchte.

 

Noch immer rast mein Herz und ich habe einen latenten melodischen Unterton in meiner Stimme. Meine Mutter teilt meine Freude nur bedingt und sieht darin keine Sensationsmeldung. Die Anspannung in meinen Mundwickeln lässt schlagartig nach, als sie fragt: „Und wie viel kann man damit verdienen?“ Der (idealistische) arme Poet… Wie reich könnte er zu Bett gehen, wenn er nicht von Kapitalisten umgeben wäre?

Stephanie

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Kommentare: 1
  • #1

    Marion Bergmann (Donnerstag, 12 Oktober 2017 08:25)

    Dieses Ereignis, das eigene Buch auspacken zu können, dieses erste Mal - ja, liebe Stephanie, das ist unbeschreiblich. Etwas Unbeschreibliches, das uns wiederum zu neuen Beschreibungsversuchen verführt, eine Hoch-Zeit in Worte fassen zu suchen … -

    Eine Mutter, die Familie, die genau DAS möglicherweise nicht versteht, konzeptualisiert auf hedonistischen Weise: „Was bringt das?“ Diese elendige Frage nach finalem Nutzen, die das Kind wiederholt in uns zu töten versucht aus Unkenntnis darüber, dass es das Kind in uns ist, das uns leben lässt, weil wir mit ihm leben und weil wir uns die Zeit und Muße geben, es in uns spielen zu lassen und weil wir darauf stolz sind. Wir dürfen es auch sein!

    Diese finalen Erwartungen sind todbringend. Wir können uns über jeden Menschen freuen, der noch zu spielen weiß, weil er mit sich selbst verbunden ist. Abspaltung von sich selbst (nicht mehr spielen können) ist im Gegensatz dazu ein Programm an dem viele Menschen unwissentlich kranken.

    Ich wünsche Stephanie Mattner in Freude weiterspielen zu können!